Rezension: Heiko Wegmann (2019): Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg.

von Henriette Seydel; Rezension zuerst erschienen im Magazin Habari des Tanzania-Network (04/2019)

Rezension: Heiko Wegmann (2019): Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg. Der Offizier und badische Veteranenführer Max Knecht (1874 – 1954)

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Deutscher Kolonialismus sowie die Frage nach Langzeitwirkungen sind in Deutschland ein Randthema, vielmehr konzentriert sich das öffentliche Geschichtsbewusstsein oftmals auf die Jahre vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet den Maji-Maji-Aufstand [1] als „grausamstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte“, dennoch wird hierüber in deutschen Schulen und Universitäten sehr wenig gelehrt. Das Buch Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg von Heiko Wegmann will dabei einen Beitrag leisten, diese Wissensdefizite zu füllen. Am Beispiel vom deutschen Kolonialoffizier Max Knecht erforscht der Sozialwissenschaftler die Verknüpfung von Kolonialerfahrungen in Übersee mit lokalen Kolonialbewegungen in der Heimat. Die Arbeit macht auch deutlich, wie tief die lange vernachlässigte Kolonialgeschichte in die Lokalgeschichte deutscher Städte eingeschrieben ist.

Das 580-Seiten-starke Buch ist sehr ausführlich und in einem akademischen Duktus geschrieben, da es auf Wegmanns Dissertation beruht. Somit ist es – unabhängig vom Inhalt – keine leichte Lektüre für zwischendurch, sondern ein Fachbuch. Das Lesen lohnt sich dennoch. Anhand der Figur Max Knechts werden biografische, gesellschaftliche, institutionelle und diskursive Verbindungen zwischen Deutschland und seinen Kolonien, wie auch die Kolonialzeit in Deutsch-Ostafrika detailliert dargestellt. Vor allem die Tagebucheinträge des Kolonialoffizier bieten eine spannende Perspektive auf die damalige Zeit. Zwischen Abenteuererzählungen, Verromantisierungen Afrikas und militärischen Berichten finden sich immer wieder auch rassistische Charakterisierungen der Einheimischen. Auch gibt Wegmann detailliertes Wissen über den Verlauf des Maji-Maji-Kriegs und militärische Strategien wie die der „verbrannten Erde“ [2], Zwangsarbeit und Hinrichtungen. Im zweiten Teil des Buches verdeutlicht Wegmann die Interdependenzen zwischen kolonialistischem und nationalsozialistischem Gedankengut und politisch-militaristischem Handeln.

Heiko Wegmann gelingt es, das Schweigen bzw. die Verromantisierung der Kolonialzeit zu brechen, und stattdessen einen fundierten Blick auf diese Phase deutscher Geschichte zu werfen, deren Folgen bis heute wirken. Das Aufzeigen dieser Leerstellen und das Sichtbarmachen dieser Perspektiven vermögen einen Aufarbeitungsprozess anzustoßen. Über das Buch hinaus finden sich im Forschungs- und Bildungsprojekt www.freiburg-postkolonial.de, das Heiko Wegmann betreut, spannende Artikel und Lesetipps zu Spuren des Kolonialismus im heutigen deutschen Alltag.


[1] Aufgrund von Arbeitszwang, Unterdrückung und hoher Abgabenlast erhoben sich 1905 in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, die die heutigen Länder Tansania (ohne Sansibar), Burundi und Ruanda sowie ein kleines Gebiet im heutigen Mosambik umfasste, Einheimische verschiedene Bevölkerungsgruppen mit dem Schlachtruf „Maji-Maji!“ (Wasser, Wasser!) gegen das Kolonialregime. Der Schlachtruf bezieht sich auf das Versprechen Kinjikitile Ngwales, der die Befreiung von den Unterdrückern prophezeite und verkündete, dass im Kampf die Geschosse des Gegners wie Regentropfen abfallen würden – mithilfe eines Wasserzaubers.

[2] Durch die Zerstörung und Vernichtung von Brunnen, Feldern, Vorräten und Häusern wollte man den Einheimischen die Lebensgrundlage nehmen und zur Unterwerfung zwingen.


Heiko Wegmann (2019): Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg – Der Offizier und badische Veteranenführer Max Knecht (1874 – 1954), erschienen im Rombach Verlag (Freiburg i. Br.) in der Reihe Alltag und Provinz, herausgegeben vom Arbeitskreis Regionalgeschichte Freiburg e.V., Band 16, 580 Seiten, 34,00€, ISBN 978-3-7930-9943-7.

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