Postkoloniale Kritik an Entwicklungszusammenarbeit

Am Mittwoch ist wieder Decolonize Filmreihe. Diesmal zeigen und diskutieren wir „Süßes Gift“ von Peter Heller (2014). Vorweg schon mal einige Gedanken und Schlaglichter zu postkolonialen Diskursen über Entwicklungszusammenarbeit (EZ) (in Bezug auf den afrikanischen Kontinent), und warum uns eine Diskussion hierüber sehr wichtig ist.


Die Bezeichnung „Entwicklungshilfe“ ist wegen seiner paternalistischen und hierarchischen Untertöne umstritten und wurde vom Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“ abgelöst. „Zusammenarbeit“ soll auf ein partnerschaftliches Verständnis hinweisen, welches jedoch wiederum als euphemistisch kritisiert werden könnte (Büschel 2010: o.S.; Ihne & Wilhelm 2006: 4; Sangmeister & Schönstedt 2010: 43).

Allgemeine Kritikpunkte an Entwicklungszusammenarbeit: 

Es werden hohe Verwaltungskosten und nicht sachgerechter Einsatz von Hilfeleistungen (Moyo 2012: 32) ebenso wie Umweltaspekte (wie beispielsweise CO2-intensive Langstreckenflüge für die EZ) kritisiert. Weiterhin ist es fraglich, ob und wie EZ wirklich wirkt (Easterley 2006). Aus einer ökonomischen Perspektive ließe sich behaupten, dass EZ „nicht mehr sein könne als ein Reparaturbetrieb für die negativen Auswirkungen einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung” (Sangmeister und Schönstedt 2010: 19). Stattdessen wird für Fairen Handel plädiert. Außerdem stellt die Kurzfristigkeit von EZ und die Problematik der Überschwemmung des Marktes mit importierten Hilfsgütern, die einheimische Industrien zerstören, ein großes Problem dar (Moyo 2012: 80–85). Durch EZ wird folglich Abhängigkeit und Lethargie geschaffen (Heller 2012; Sangmeister & Schönstedt 2010: 20).

Postkoloniale Kritikpunkte an Entwicklungszusammenarbeit:

Internationale Hilfe verfolgt erstens ökonomische Machtinteressen, verfestigt zweitens korrupte Strukturen, da die Gelder oft nur Eliten zu Gute kommen und hält drittens davon ab, Eigeninitiative zu zeigen, und degradiert stattdessen in paternalistischer Manier zu passiven Empfänger*innen. Insgesamt festigt EZ die kulturelle und wirtschaftliche Dominanz der Industrieländer und wirkt neokolonial fort (Shikwati 2006; ders. in: Pennekamp 2014: o.S.; Speich Chassé 2012: o.S.; Wiegmann 2007: o.S.).

EZ reproduziert koloniale Stereotpye des*der armen, hilfebedürftigen „Anderen“ in Spendenwerbung und -Kampagnen. Diese einseitigen Bilder haben großen Einfluss über westliche Denkkonzepte über den Globalen Süden. Die Veranderung / das Othering ist insofern rassistisch, weil es soziale und kulturelle Merkmalen mit phänotypischen verknüpft und Menschen verallgemeinert, homogenisiert und ihrer Identität beraubt werden (Bendix et al. 2013: 16). Gerade Spendenwerbungen übertreiben für den „guten Zweck“. In seiner ironischen Anleitung „How to write about Africa“ gibt Binyavanga Wainaina den überspitzten Ratschlag: „[Show] the Starving African, who wanders the refugee camp nearly naked, and waits for the benevolence of the West. Her children have flies on their eyelids and pot bellies, and her breasts are flat and empty. She must look utterly helpless.“ (2006: 93). So verspüren viele Menschen barmherzige Sympathie über die vermeintliche Hilfebedürftigkeit, andererseits werden gleichzeitig Ländern des Globalen Südens ernstzunehmende Handlungskompetenzen abgesprochen sowie einheimische Fähigkeiten und politisches, ökonomischen und kulturelles Wissen und Ideenreichtum abgewertet. Koloniale Machtungleichgewichte werden somit reproduziert. (Philipp & Kiesel 2013) Auch Nachrichtensendungen, Zeitungen und karitative Nichtregierungsorganisationen reproduzieren das Bild von Afrika als „K“-Kontinenten. Krisen, Kriege und Katastrophen prägen demnach das Leben der Afrikaner*innen. Weiter sei es gebeutelt von Not, Elend, Hunger und Dürre. Es ist verhängnisvoll, einen ganzen Kontinent auf diese Aspekte zu reduzieren beziehungsweise zu fokussieren, denn, wie Chimamanda Ngozi Adichie erklärt: „The Problem with stereotypes is not, that they are untrue, but that they are incomplete. They make one story become the only story” (2009: 13:12-13:24).

Koloniales, eurozentrisches, rassistisches Othering in Entwicklungszusammenarbeit:

Othering orientiert sich am Weißen Blickwinkel, der das „Normale“ und demzufolge auch Abweichungen definiert. Dies kann als Eurozentrismus beschrieben werden. Wie der Wortbedeutung zu entnehmen, wird Europa in das Zentrum gerückt: eine universal geltende, zeitlose, humane, rationale Logik bildet also die Vorhut der Vernunft, den Vergleichspunkt für alle und die Spitze der Entwicklung (Hall 1994: 140; Hund 2007: 15;  Melber 1992: 1). Eine negative Darstellung dieses „Anderen“ führt gleichzeitig zu einer positiven Präsentation des Wirs (der Weißen) und damit zur Legitimation der (Vor-) Herrschaft. Außerdem gründet sich auf der nach außen gerichteten Sichtweise von Fortschritt und Entwicklung das weltweit gültige Zivilisationsmodell, das – auch heute noch – mit dem viel zitierten Gedicht „The White Mans Burden“ (Rudyard Kipling) in Verbindung gebracht werden kann.

Entwicklungszusammenarbeit basiert auf folgenden verandernden,  eurozentrischen und rassistischen Prinzipien:

Inferiorisierung

Inferiorisierung ist der Prozess der Herabsetzung, des Herabwürdigens Anderer und des Deutlichmachens der Unterlegenheit. Allein ein Blick in die Sprache verrät die zugrunde liegende Inferiorität der „Entwicklungsländer“. Diese müssen sich noch zu etwas Besserem entwickeln soll, nämlich hin zu europäischen, westlichen Standards. Entwicklung bedeutet Fortschritt bzw. Höherentwicklung und postuliert damit gleichzeitig die Notwendigkeit ihrer in bestimmten Ländern (Bendix 2011: 273; Hayn 2013: 106f.) Aus der Heterogenität und Komplexität der Entwicklungsländer bezüglich ihrer Kultur, Sprache, Geschichte, Religion, Klimazone, Lage, Größe, Ethnien, Wirtschafts- und Politiksystemen folgt, dass eigentlich keine einheitliche Definition möglich ist. Jedwede dichotome Begrifflichkeit homogenisiert, pauschalisiert und subsumiert. Aus einer westlichen Perspektive heraus werden andere Länder zu einem Entwicklungsland konstruiert. Die Deutungshoheit und die Macht der Bestimmung, wann ein Land noch entwickelt werden muss, wann es zu einem sogenannten Schwellenland wird oder wann es vollends entwickelt ist, liegt beim Weißen Westen. Der Westen wird Standard, an dem andere Länder gemessen werden, ob sie noch weit entfernt sind, oder auf dem Weg (Hall 1994: 139). Seit den Zeiten des Kolonialismus ist es der Fall, dass Afrika am unteren Ende, Europa an die obere Spitze einer Entwicklungsskala gesetzt wurden. Hiermit ließ sich eine Überlegenheit Europas konstruieren, die gleichzeitig die Eroberungen und Versklavungen rechtfertigte und legitimierte (Bendix 2011: 273).

Die Dreiteilung (Entwicklungsland / Schwellenland / Industrieland) wird auch mit der Bezeichnung „Dritte Welt“ reproduziert. Hier kann man ebenfalls das Problem einer Hierarchisierung erkennen. Außerdem werden viele verschiedene Länder auf verschiedenen Kontinenten homogenisiert. Des Weiteren wird eine klare Trennung zwischen den drei Kategorien geschaffen, die verkennt, dass der jeweilige Status mit dem Verhalten der anderen Welten zusammenhängt (Machnik 2009: 108ff.). Die beiden Begriffe stehen nach wie vor für ein kolonialistisches Weltbild, nach dem Europa als das Maß aller Dinge gilt und das Vorbild jeglicher Entwicklung darstellt. Gleichzeitig werden andere Gesellschaften, Menschen und Lebensweisen als rückständig klassifiziert und abgewertet. Diese Begriffe sind deswegen als eurozentrisch zu beschreiben und der Gebrauch aus rassismuskritischer Sicht abzulehnen.

Infantilisierung

Eine weitere Praxis aus dem Kolonialismus ist die Infantilisierung, also die Verkindlichung und Bevormundung. Die „Anderen“ als Kinder zu konstruieren, legitimiere es – so die kolonialistische Denkweise –, einzugreifen und zu erziehen (Kilomba in Philipp & Kiesel 2013: 19:30f; Kontzi 2015: 142). Der Paternalismus, der aus der Entwicklungszusammenarbeit spricht, ist unverkennbar. Europa stellt sich metaphorisch als gütige Mutter und vernünftiger Vater da, die ihrem Kind Afrika bei der Entwicklung behilflich sind. Auch hier zeigt sich bildlich, wer an der oberen Spitze der Entwicklungsskala steht, nämlich die Weißen, europäische, erwachsenen Eltern, wohingegen sich unten die Schwarzen, afrikanischen Kinder befinden. Außerdem wird außer Acht gelassen, dass viele der Probleme vielmehr durch die Kolonialgeschichte und dem (Konsum-)Verhalten der europäischen Bevölkerung entstanden sind und bestehen.

► Passivierung

EZ suggeriert, dass sich andere Menschen/Länder nicht selbst helfen können, ihnen werden ernstzunehmende Handlungsfähigkeiten abgesprochen und weder Konfliktlösungskompetenzen noch (Aus-)bildungsfähigkeiten zugetraut. EZ-Helfer*innen werden zu aktiven Weltverbesser*innen stilisiert, wohingegen Afrikaner*innen passive Hilfeempfänger*innen bleiben (Czarnecki et al. 2015: 8; Goethe 2002: 21).


Ein postkolonialer und kritischer Diskurs über Entwicklungszusammenarbeit, ihre Notwendigkeit, ihre Legitimierung und ihre Prinzipien ist also unabdingbar! Wir freuen uns auf zahlreiche Wortmeldungen und Diskussionsbeiträge am Mittwoch. Bis dahin 🙂

Quellenangaben und Literaturhinweise:

  • Adichie, Chimamanda Ngozi (2009): The Danger of a Single Story, https://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story (Zugriff: 21.11.2017).
  • Bendix, Daniel (2015): Entwicklung, entwickeln, Entwicklungshilfe, Entwicklungspolitik, Entwicklungsland, in Arndt, Susan & Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache: ein kritisches Nachschlagewerk. Münster, 272–278.
  • Bendix, Daniel, Chandra-Milena Danielzik, Jana Döll, Simone Holzwarth, Juliane Juergensohn, Timo Kiesel, Kristina Kontzi und Carolin Philipp (Hrsg.) (2013): Mit kolonialen Grüßen … Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet, http://www.glokal.org/publikationen/mit-kolonialen-gruessen/ (Zugriff: 21.11.2017).
  • Büschel, Hubertus 2010. Geschichte der Entwicklungspolitik. URL: https://docupedia.de/zg/Geschichte_der_Entwicklungspolitik [Stand 2018-01-14].
  • Czarnecki, Dorothea, Friederike Hertwig, Maike Lukow, Mechthild Maurer, Antje Monshausen, Christine Plüss und Corinna Rach (Hrsg.) (2015): Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus – Herausforderungen für die verantwortungsvolle Gestaltung eines wachsenden Reisetrends. Berlin, http://tourism-watch.de/files/profil18_voluntourismus_final.pdf (Zugriff: 21.11.2017).
  • Easterly, William (2006): Wir retten die Welt zu Tode: Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut. Frankfurt am Main: Campus Verlag.
  • Goethe, Tina (2002): Das Erlebnis der Grenze. Über die Verwandtschaft von Rassismus und Tourismus, in: Im Handgepäck Rassismus. Beiträge zu Tourismus und Kultur, hrsg. von Martina Backes, Tina Goethe, Stephan Günther und Rosaly Magg, Freiburg, S.13-28.
  • Hall, Stuart 1994. Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg: Argument Verlag.
  • Hayn, Evelyn (2013): Entwicklung, Entwicklungszusammenarbeit, -hilfe, -politik, in: Rassismus auf gut Deutsch – ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, hrsg. von Nduka-Agwu Adibeli und Antje Lann Hornscheidt, Frankfurt, S.106-114.
  • Heller, Peter 2012. Süßes Gift: Hilfe als Geschäft.
  • Ihne, Hartmut & Wilhelm, Jürgen (Hg.) 2006. Einführung in die Entwicklungspolitik. 2. Aufl. Hamburg: LIT.
  • Kontzi, Kristina (2015): Ein Freiwilligendienst in weltbürgerlicher Absicht – postkoloniale Perspektiven auf „weltwärts“, Baden-Baden.
  • Machnik, Katherine (2009): Dritte Welt, in: Afrika und die deutsche Sprache – ein kritisches Nachschlagewerk, hrsg. von Susan Arndt und Antje Hornscheidt, 2.Aufl., Münster, S.107-111.
  • Melber, Henning (1992): Der Weißheit letzter Schluß – Rassismus und kolonialer Blick, Frankfurt am Main.
  • Moyo, Dambisa 2012. Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann. 2. Aufl. Berlin: Haffmanns & Tolkemitt.
  • Pennekamp, Johannes 2014. Entwicklungshilfe, nein danke! Frankfurter Allgemeine 13. Februar. Online im Internet: URL: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/internationale-unterstuetzung-in-afrika-entwicklungshilfe-nein-danke-12800821.html [Stand 2018-01-12].
  • Philipp, Carolin & Kiesel, Timo 2013. White Charity: Schwarzsein & Weißsein auf Spendenplakaten. Berlin: glokal. URL: http://whitecharity.de/film/.
  • Reuter, Julia & Villa, Paula-Irene (Hg.) 2010. Postkoloniale Soziologie: Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Intervention. Bielefeld: Transcript Verlag.
  • Sangmeister, Hartmut & Schönstedt, Alexa (Hg.) 2010. Entwicklungszusammenarbeit im 21. Jahrhundert: Ein Überblick. Baden-Baden: Nomos.
  • Shikwati, James 2006. Fehlentwicklungshilfe: Mit eigenständigen Lösungen kann Afrika eine neue Rolle spielen. Internationale Politik(4), 6–15. Online im Internet: URL: https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2006/april/fehlentwicklungshilfe [Stand 2018-01-19].
  • Speich Chassé, Daniel 2012. Fortschritt und Entwicklung. URL: http://docupedia.de/zg/chasse_fortschritt_v1_de_2012 [Stand 2018-01-14].
  • Wainaina, Binyavanga (2006): How to write about Africa, in: GRANTA, Heft 92, http://granta.com/how-to-write-about-africa/ (Zugriff: 21.11.2017).
  • Wiegmann, Jens 2007. Warum Entwicklungshilfe abgeschafft gehört: Interview mit James Shikwati. Die Welt 6. November. Online im Internet: URL: https://www.welt.de/politik/article1336091/Warum-Entwicklungshilfe-abgeschafft-gehoert.html [Stand 2018-01-12].

Weitere Bücher und Filme zu EZ finden sich hier.

(Henriette)

 

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